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22. September 2018

Die Kirchen sollten jetzt massiv zurückgedrängt werden | NachDenkSeiten – Die kritische Website



Eine schrecklich schweigsame Familie: Die Kirchen sollten jetzt massiv zurückgedrängt werden


Veröffentlicht in: Erosion der Demokratie, Kirchen/Religionen, Strategien der Meinungsmache

Eine neue Studie belegt schockierende Ausmaße des Kindesmissbrauchs in der katholischen Kirche. Man sollte das Empörungspotenzial der Untersuchung nutzen, um ganz allgemein den gesellschaftlichen Einfluss der Kirchen massiv zurückzudrängen – weit über das Thema Missbrauch hinaus. Von Tobias Riegel.

Eine neue Studie zu Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche eröffnet Blicke in Abgründe. Doch es sind nicht nur die menschlich-moralischen Abgründe, die sich auftun, sondern gleichzeitig die politisch-gesellschaftlichen: Die von der deutschen Bischofskonferenz initiierte und der „Zeit“ vorliegende Studie verdeutlicht durch ihre zweifelhafte Machart und die Ergebnisse einmal mehr die bekannte Existenz einer mächtigen, verschwiegenen und abgehobenen Parallelgesellschaft. Diese nicht demokratisch legitimierte Parallelgesellschaft Kirche schützt nicht nur die sexuellen Obsessionen von Teilen ihres Personals. Sie nutzt zudem ihren starken gesellschaftlichen Einfluss und ungerechtfertigte staatliche Subventionen, um politische Inhalte zu bekämpfen oder zu fördern.

Die Gelegenheit ist aktuell günstig und sie kommt nicht alle Tage: Das Empörungspotenzial der Missbrauchs-Untersuchung sollte politisch über das Thema hinaus genutzt werden: um die Institution katholische Kirche allgemein (auch politisch) zurückzudrängen und auf ihren Platz im Privatleben zu verweisen.

Die Studie selbst ist bereits absurdes Dokument kirchlicher Hybris: Sie wurde mutmaßlich erst initiiert, nachdem der Handlungsdruck durch Untersuchungen im US-Staat Pennysilvania und in Australien zu groß wurde. Zudem kann die Art der Erhebung, die hier näher beschrieben wird, nur als unseriös bezeichnet werden. Akten wurden vernichtet, die Untersuchung wurde von Bischöfen in Auftrag gegeben, kontrolliert und bezahlt – und vor allem: “Das Forschungsprojekt hatte keinen Zugriff auf Originalakten der katholischen Kirche. Alle Archive und Dateien der Diözesen wurden von Personal aus den Diözesen oder von diesen beauftragten Rechtsanwaltskanzleien durchgesehen“, heißt es in der Studie. Eine Untersuchung von Bischofs Gnaden.

Missbrauch ist nur die Spitze des Eisbergs kirchlicher Verfehlungen

Durch die unseriöse Erstellung der Erhebung und die dennoch schockierenden Ergebnisse von mindestens(!) 3677 missbrauchten Kindern allein seit 1946 wirkt diese zur Entlastung gedachte Studie gegenteilig: Die Kirche erscheint dadurch erst Recht als eine Institution, die außer Kontrolle geraten ist und die sich – mitten in Deutschland – die eigenen Gesetze schreibt. Die Studie ist durch ihre aufreizend unseriöse Machart – weit über das Thema Missbrauch hinaus – weiterer Beleg für die Respektlosigkeit der Kirchen gegenüber dem Rechtsstaat und seinen allgemeingültigen Regeln. Und selbst in dieser problematischen Untersuchung finden sich Sätze, die genau diesen Befund stützen: „Repräsentanten der Kirche haben, soweit man weiß, nur in 122 Fällen die weltliche Justiz eingeschaltet.“ Das betreffe nur 7,3 Prozent aller des Kindesmissbrauchs Beschuldigten. Über 90 Prozent der Täter kamen demnach in den Genuss eines kirchlichen Parallel-Rechts, die Dinge blieben auch laut der „eigenen“ Studie in der schrecklich verschwiegenen Familie.

Das Grundrecht der Religionsfreiheit ist unantastbar und es soll hier nicht in Zweifel gezogen werden. Die Verbannung aller Kirchen aus der Öffentlichkeit und ihr erzwungener Rückzug ins Private ist allerdings mindestens ebenso wichtig wie jenes Grundrecht. Um diese ganz allgemeine öffentliche Verbannung jeder Religion zu vermitteln und durchzusetzen, sollte man nun auch die durch die Missbrauchs-Studie erwachsene Empörung in der Bevölkerung nutzen.

Im Zuge dieser Debatte muss zudem darauf hingewiesen werden, dass der massenhafte Kindesmissbrauch nur eine von zahlreichen kriminellen Facetten der katholischen Kirche ist – und im internationalen Rahmen mutmaßlich nicht einmal die schlimmste: Geldwäsche, Mafia-Kollaboration, angebliche antikommunistische Terrorfinanzierung, neoliberale Propaganda, politische Einmischungen und die große Nähe zu zahlreichen Despoten – man muss nicht ins Mittelalter schauen, um auf schlimme Vorwürfe gegen die katholische Kirche zu stoßen.

Wären die Kirchen Reformschulen – man hätte sie längst geschlossen

Wäre die katholische Kirche keine „staatstragende“ und einflussreiche Lobbygruppe, sondern etwa ein linksliberales reformpädagogisches Internat – sie wäre wahrscheinlich längst geschlossen worden, nachdem sie mutmaßlich in einer gewaltigen Pressekampagne als „internationales Folterzentrum“ beschrieben worden wäre. Aber für die Kirchen gelten eben andere Regeln als etwa für die Odenwaldschule. Wie die Kirchen es bewerkstelligen, sich eigene Regeln schreiben zu dürfen, beschreibt etwa der Politologe Carsten Frerk in der „Wirtschaftswoche“:

„Kirchen haben 34 Lobbybüros in Deutschland, die Einfluss ausüben auf Politik und Meinungsmacher. Das ist völlig in Ordnung und Teil unserer gelebten Demokratie. Aber die frühe Einbindung der Kirchen in die Gesetzgebungsprozesse geht eindeutig zu weit. Diese seit Jahrzehnten andauernde Praxis ist das Gegenteil von Demokratie.“

Für Frerk ist angesichts des Verhältnisses von Staat und Kirche in Deutschland klar: „Der Staat macht sich zum devoten Deppen.“ Er fordert, die Kirchen wie Wirtschaftsverbände zu behandeln.

Der für umstrittene Institutionen wie die Kirche überlebenswichtige politische Zugang und auch das starke politische Sendungsbewusstsein dieser demokratisch nicht legitimierten Machtgruppe zeigt sich immer wieder in politischen Kämpfen. So wurde der unheimliche und konkrete politische Einfluss der Bischöfe in jüngerer Vergangenheit etwa in Polen, in Argentinien und auch immer wieder in Deutschland offenbar. Einige wichtige und ungerechtfertigte kirchliche Privilegien in Deutschland hat der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten hier aufgelistet. Diese vor allem finanziellen Vorteile gehören ersatzlos gestrichen. Wie sich die Deutsche Bischofskonferenz das Verhältnis von Kirche und Staat hierzulande schönredet, kann hier nachgelesen werden.

Kirchen als neoliberaler Pseudo-Puffer eines angegriffenen Sozialstaats

Es gibt in der katholischen Kirche historisch und aktuell beeindruckende Einzelpersonen, von vielen Kirchengremien wird eine wichtige soziale Arbeit verrichtet. Aber: Zum einen ist die Kirche ein PR-Profi, der es immer wieder schafft, strukturelle Defizite hinter vereinzelten Lichtgestalten verschwinden zu lassen. Exemplarisch steht dafür etwa Óscar Romero, der Erzbischof von San Salvador – dieser mutige Mensch überstrahlt zum Teil die jahrhundertelange Kollaboration der Kirche mit den schlimmsten Kräften in dem lateinamerikanischen Land, und das, obwohl Romero auch von weiten Teilen der eigenen Kirche bekämpft wurde.

Zum anderen erfüllen die sozialen Dienste der Kirchen eine wichtige Funktion im staatsfeindlichen Übergang ins neoliberale System. Indem die Kirchen (vorübergehend) in die durch Kürzungen geschlagenen Breschen des Sozialstaats springen, mildern sie (nur scheinbar und nur vorübergehend) die soziale Spaltung. Doch diese Milderung ist eine Illusion. Durch diese Irreführung als soziale Pseudo-Puffer helfen die Kirchen aktiv beim Abbau des Sozialstaats, obwohl sie sich doch verbal hin und wieder dagegen aussprechen. Aber wie gesagt: Diese Ausführungen sollen nicht das wichtige Engagement vieler individueller Gläubiger schmälern, die sich sicher aus den besten Beweggründen einbringen.

Alle Religionen raus aus der Öffentlichkeit

Es wäre auch eine Fehlentwicklung, wenn man dem in Deutschland gegenüber den christlichen Kirchen eindeutig benachteiligten Islam nun „Gleichberechtigung“ im öffentlichen Raum, etwa in öffentlich-rechtlichen Medien einräumen würde. Das Gegenteil wäre richtig: Der christliche Einfluss sollte massiv zurückgestutzt werden, anstatt eine ebenso problematische Religion noch aufzupäppeln, wie etwa das „Neue Deutschland“ schreibt:

„Manche Menschen fordern, die christliche Dominanz in den deutschen Medien durch Sondersendungen zum Islam auszugleichen. Das ist ein Irrweg! Anstatt diesen reaktionären Märchenstunden noch mehr Platz einzuräumen (und das gilt für alle Weltreligionen), sollten sie radikal aus den Sendern in die Wohnstuben der Gläubigen verbannt werden.“



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